Genossenschaftstag 2015

Ein Event im Zeichen der "Crowd"

  • Welches Potential hat Crowdfunding in Österreich? Steht es in Konkurrenz zum Angebot der Banken? Und was hat das alles mit Genossenschaften zu tun? Die Antworten darauf gab‘s am 13. November beim Genossenschaftstag des ÖGV. Mit dabei: zwei Ehrengäste, die für viel Staunen sorgten.

    Die Überraschung war groß, als Verbandsanwalt Christian Pomper neben den zahlreich erschienenen Gästen auch zwei Gründerväter des Genossenschaftswesens begrüßte: Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen waren in Puppenform zugegen. Dahinter steckt eine clevere Marketingidee des rheinisch-westfälischen Genossenschaftsverbandes. Ziel: die Idee der Genossenschaften auch in sozialen Medien bekannter zu machen.

    Pomper freute sich besonders, dass die erste Auslandstour der beiden „Regionalhelden“ gleich nach Wien zum ÖGV führte. Dann die Überleitung zum eigentlichen Thema des Genossenschaftstages, dem Crowdfunding, das bereits mit der Gründung der ersten Genossenschaften erfunden worden sei: Viele Hoffnungen würden auf dem neuen Alternativfinanzierungsgesetz ruhen, das „rank und schlank“ ausgefallen sei und Crowdfunding auf gesetzlich solide Beine stelle.

    Der Schlüssel zum Funding-Erfolg

    Worum es beim Crowdfunding im Kern geht, brachte Philipp Bohrn, Geschäftsführer des Fachverbands der Finanzdienstleister in der Wirtschaftskammer, in seiner Keynote auf den Punkt: Kommunikation, Emotion und Anerkennung seien der Schlüssel für erfolgreiche Finanzierung durch die „Crowd“. Es gelte, die vielen unternehmerischen Ideen sinnvoll zu kanalisieren und umzusetzen.

    Dabei wies er auch auf die Risiken hin: Man dürfe das Vorschussvertrauen für die neue Form der Finanzierung nicht zerbrechen lassen. Hier sei Ehrlichkeit gefragt, Investoren könnten schließlich auch Geld verlieren. Und: Crowdfunding könne unterstützend wirken, es sei aber nicht die Lösung aller Finanzierungsprobleme und schon gar nicht eine Konkurrenz zum klassischen Kreditgeschäft der Banken.

    Ein Date mit dem AltFG

    Zum „Speeddating“ mit dem neuen Alternativfinanzierungsgesetz, das im September in Kraft getreten ist, luden dann der neue ÖGV-Syndikus, Phillip Stempkowski, und sein Kollege Johannes Duy. Sie hoben die neue Rechtssicherheit für Crowdfunding hervor, aber auch die angemessene Berücksichtigung von Anlegerschutz und Missbrauchsprävention.

    Allerdings warnten die beiden Experten: „Das AltFG ist kein aufsichtsrechtlicher Freifahrtschein. Insbesondere im Zusammenspiel mit dem Kapitalmarktgesetz gebe es Fallstricke. Dennoch gelte: „Sind alle rechtlichen Voraussetzungen erfüllt, dann ist nun die Begebung von alternativen Finanzierungsinstrumenten im Gegenwert von bis zu 1,5 Millionen Euro ohne Erstellung eines Prospekts möglich.“ Für Genossenschaften, die einem Revisionsverband angehören, habe man zusätzliche Erleichterungen bei der Informationspflicht erreicht.

    CrowdCoopFunding in den Startlöchern

    Wie die Zukunft des Crowdfunding aussehen könnte, wenn man es um das genossenschaftliche Element erweitert, zeigte Markus Binder von der neu gegründeten CrowdCoopFunding eG. Er präsentierte den Prototyp einer neuen Software, welche die digitale Zeichnung von Geschäftsanteilen an Genossenschaften ermöglicht. Dabei führte er vor, wie man mit wenigen Mausklicks Mitglied und Investor werden kann.

    Zusätzliches „Goodie“ für Genossenschaften, die auf diese Weise um neue Mitglieder werben, soll ein elektronisches Mitgliedsbuch sein, in dem alle wichtigen Daten auf Knopfdruck verfügbar sind. Auch in die Funktionsweise dieses Werkzeugs gab es bereits einen ersten Einblick.

    Eine Idee, verschiedene Ziele

    In der abschließenden Paneldiskussion, moderiert von CIBP-Generalsekretärin Andrea Karner, trafen die verschiedenen Crowdfunding-Welten aufeinander. Maria Baumgartner, Vizepräsidentin des Vereins Respekt.net, rührte die Werbetrommel für ein Modell, das der klassischen Spende sehr nahe kommt. Dabei geht es um gemeinnützige Projekte.

    Für das auf Anerkennung beruhende Reward-based Crowdfunding stand stellvertretend Simone Mathys-Parnreiter, Österreich-Chefin von wemakeit. Als Gegenleistung für die Unterstützung von Projekten, die vielfach aus dem Kreativbereich kommen, lockt man mit Gutscheinen, exklusiven Werksführungen oder schlicht der Erstausgabe des fertiggestellten Produkts. Sie ortet im Vergleich zu anderen Ländern, in denen man aktiv sei, noch Aufholbedarf in Österreich, wobei die Online-Bezahlung eine der Hürden sei.

    Um handfeste Investitionen geht es auf der Plattform Conda, die von deren Mitbegründer Paul Pöltner vertreten wurde. Ab 100 Euro kann man mit dem Funding einsteigen, es winken Zinsen und ein Anteil an der Wertsteigerung. Das funktioniere dann, wenn Unternehmer und Investoren miteinander kommunizieren. Großen Wert lege man zudem auf die Vorauswahl der chancenreichen Projekte durch die Plattform selbst.

    Ganz neu am Start ist die Plattform CrowdCoopFunding, die einen völlig neuen Weg beschreitet. „Wir wollen zeigen, dass die Rechtsform der Genossenschaft modern und flexibel ist“, betonte ÖGV-Verbandsanwalt Pomper, zugleich Mitbegründer der Plattform. Die Initiative habe bereits 45 Mitglieder und starte demnächst mit ersten Funding-Projekten. Ein Pilot im Kreditbereich werde dabei noch gesucht. Man richte sich mit dem Angebot sowohl an bestehende Genossenschaften, die ihre Mitgliederbasis erweitern wollen, als auch an Neugründungen. Großer Unterschied zu anderen Crowdfunding-Formen: CrowdCoopFunding sei langfristig angelegt, und als Genossenschafter sei man auch Miteigentümer des Unternehmens.

    Vom Start-up zum Kommerzkunden

    Zur oft vorgebrachten Kritik, Crowdfunding sei immer noch zu wenig reguliert, meinte Pomper: „Crowdfunding fehlt es nicht an Regulierung, vielmehr sind Banken überreguliert.“ Auch für die klassischen Geldinstitute sieht Pomper übrigens Vorteile: „Die auf Basis von Crowdfunding neu gegründeten Unternehmen sind die Kommerzkunden von morgen.“

    Lexikon: Crowdfunding

    Unter Crowdfunding – zu Deutsch: Schwarmfinanzierung – versteht man die Aufbringung von Geldmitteln für Projekte durch eine Vielzahl von Kapitalgebern, die in der Regel Internetnutzer sind. Die Projekte werden üblicherweise auf einer Internetplattform vorgestellt, wobei das Zielvolumen der Finanzierung und ein Zeitrahmen angegeben sind. Wird das Finanzierungsziel nicht erreicht, bekommen die Anleger das investierte Geld zurück. Kommt die Finanzierung hingegen zustande, wird das Projekt verwirklicht, und die Geldgeber bekommen eine Anerkennung. Beim spendenbasierten Crowdfunding ist diese Anerkennung ideeller Natur. Bei Reward-based Crowdfunding gibt es „Goodies“ wie das fertige Produkt in exklusiver Aufmachung. Beim Crowdinvesting hingegen locken Zinsen und Anteil an der Wertsteigerung des Unternehmens.

    Foto: Wolfgang Schmidt