CIBP-Kongress

Zukunftsforum unterm Zuckerhut

  • Mehr als 360 Teilnehmer aus vier Kontinenten haben von 18. bis 20. Oktober in Rio de Janeiro am 29. CIBP-Kongress über die Zukunft beraten und dabei eine starke Botschaft formuliert: Genossenschaftsbanken sollen ihre Kräfte bündeln, neue Mitglieder gewinnen und neue Technologien einsetzen, um die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in ihren regionalen Märkten voranzutreiben.

    Digitalisierung, demographischer Wandel und die Werte von Genossenschaftsbanken in einer vernetzten Weltwirtschaft waren zentrale Themen am Kongress der Internationalen Volksbankenvereinigung (CIBP) in Rio. An die 40 prominente Vortragende aus Wissenschaft, Wirtschaft und dem Bereich der Genossenschaftsbanken gaben starke Impulse und regten zu Diskussionen an.

    „Immer mehr Kunden sehen keinen Grund, eine Bankfiliale aufzusuchen. Sie wickeln ihre Bankgeschäfte über PC oder Smartphone ab. Trotzdem möchten sie ihren Kundenbetreuer auch persönlich kennen“, betonte Alain Declereq, Generaldirektor der belgischen CPH. Die Frage, ob digitale Bankgeschäfte, verändertes Konsumverhalten und neue Bezahlsysteme im Web in Zukunft Filialen überflüssig machen, beschäftigt Genossenschaftsbanken und Sparkassen ganz besonders. Sie sind bekannt für ihr dichtes Filialnetz und eine flächendeckende Versorgung mit Bankdienstleistungen bis in die abgelegensten Gegenden der Welt.

    Wie sieht die Genossenschaftsbank von morgen aus? Wie können sich Genossenschaftsbanken im Wettbewerb besser positionieren? Wie effizienter werden? Welche Werte sind in Zukunft gefragt? Zu diesen Fragen wurden auf dem Kongress gleich drei Studien präsentiert.

    Innovation als Motor

    Das Beratungsunternehmen Oliver Wyman hat in einer Studie über Genossenschaftsbanken in Kanada, den USA sowie in 32 Ländern Südamerikas und der Karibik herausgefunden, dass die Institute trotz unterschiedlicher Größe und geografischer Lage an folgenden Punkten arbeiten müssen, um künftig im Wettbewerb erfolgreich zu sein:

    • Mitgliedermanagement optimieren
    • Mitarbeiter als Genossenschaftspromotoren ausbilden
    • Konventionen überdenken
    • Zusammenarbeit unter Genossenschaftsbanken vorantreiben
    • Innovation als Motor einsetzen

    Obwohl verschiedene Organisationsstrukturen funktionieren, müssten diese fünf Kriterien in jedem Fall erfüllt werden, um mit dem genossenschaftlichen Geschäftsmodell Marktchancen nutzen zu können, wie Andrew Hanff von Oliver Wyman Canada ausführte.

    Wettbewerb um Talente

    Eine eindeutige strategische Positionierung ist auch im Wettbewerb um Talente wichtig. Bhushan Sethi von PwC USA betrachtet die Vielfalt von Persönlichkeiten, Kenntnissen und Erfahrungen, die Ausgewogenheit von Männern und Frauen im Unternehmen und die Mischung aus verschiedenen Ethnien als „Diversity Dividend“, die Organisationen erfolgreich macht. Das CIBP-LINK-Programm, das die Mitglieder der Internationalen Volksbankenvereinigung von zehn Jahren ins Leben gerufen haben, nimmt diesen Trend schon vorweg. Es bietet „Diversity“ mit einer modularen Ausbildung auf vier Kontinenten und Teilnehmern aus verschiedenen Kulturen in zehn Ländern. Von einer so vielfältigen Managementausbildung profitieren sonst nur Mitarbeiter von internationalen Großkonzernen.

    Im Rahmen dieser internationalen Managementausbildung hat sich Elisabeth Fritz-Fraisl mit Kollegen aus Genossenschaftsbanken in Deutschland, Italien und Marokko der Frage gewidmet: Wie können Genossenschaftsbanken für junge Menschen attraktiv werden? Als Leiterin des Vertriebsmanagements der Volksbank Wien war sie von den Veranstaltern in Rio zum Podiums-Talk eingeladen worden, um die Ergebnisse der gemeinsamen Forschungsarbeit zu präsentieren.

    Ihrer Meinung nach würden gerade die sozialen Medien die Kommunikation mit jungen Kunden erleichtern: „Wir können im Internet, über Facebook und Twitter ihre tollen Ideen präsentieren und ihr Engagement in der Region unterstützen, wie das einige Plattformen von Genossenschaftsbanken in Deutschland bereits machen“, argumentierte sie mit Begeisterung.

    Aktives Mitgliedermanagement

    André Joffre, erfolgreicher Unternehmer im Bereich der Sonnenenergie und Präsident der französischen Banque Populaire SUD, sieht in der Digitalisierung die Möglichkeit, Genossenschafter wieder stärker in die Arbeit der Bank einzubeziehen.

    Vielbeachtetes Highlight der Veranstaltung war zweifellos die Präsentation der Studie „Designing Tomorrow’s Cooperative and Popular Bank“, die Fotis Filippopoulos gemeinsam mit der CIBP in zehn Mitgliedsländern durchgeführt hat. Wie 500 Manager von Genossenschaftsbanken selbst die aktuelle Situation im Rahmen einer SWOT-Analyse einschätzen, profitieren Genossenschaftsbanken weder von fetten Margen, noch sind ihre Kostenstrukturen auf das Geschäftsmodell abgestimmt. Dazu kommt, dass ihr Angebot leicht zu kopieren ist. Auch der Wechsel zu einem anderen Anbieter ist oft nur mit geringen Kosten verbunden. Daher empfiehlt auch diese Studie Genossenschaftsbanken eine klare strategische Positionierung, die das Ziel verfolgt, Mitglieder, Kunden und den regionalen Wirtschaftskreislauf zu stärken.

    Beispiel Brasilien

    In Brasilien ist jeder Kunde Mitglied und stolz, Teilhaber seiner Bank zu sein, wie Marco Aurélio Borges de Almada Abreu, Generaldirektor von Bancoob berichtete, der zum CIBP nach Rio eingeladen hatte. Die Bilanzsumme der genossenschaftlichen Bankengruppe ist 2014 um 21 Prozent gewachsen, Spareinlagen stiegen um 21 und Kredite um 18 Prozent. Bancoob ist neben Sicredi, Unicred und Confesol eine der vier genossenschaftlichen Verbünde im brasilianischen Finanzsystem. Zwei Drittel des Marktes dominieren dort wenige Großbanken, die fette Margen durchsetzen. Auch wenn Genossenschaftsbanken ihren Mitgliedern bessere Konditionen anbieten als ihre Mitbewerber, verdienen sie im Vergleich mit ihren europäischen Kollegen deutlich mehr.

    Abseits der großen Wirtschaftsmetropolen an den Küsten tragen Genossenschaftsanken in diesem Schwellenland, in dem die Einkommen sehr ungleich verteilt sind, maßgeblich zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung bei. Das ist auch der Grund, warum ihnen die brasilianische Nationalbank Erleichterungen bei der Erfüllung der internationalen Bankenstandards eingeräumt hat.

    Mit mehr als 200 Millionen Einwohnern ist Brasilien das größte und bevölkerungsreichste Land Südamerikas und der fünftgrößte Staat der Welt. Lange galt Brasilien als der internationale Shootingstar. Noch vor wenigen Jahren verzeichnete das Land wirtschaftliche Zuwachsraten von sieben Prozent und mehr. In Rios schickem Stadtteil Ipanema würde man kaum vermuten, dass sich Brasilien heute im wirtschaftlichen Ausnahmezustand befindet: Schon früh am Morgen füllt sich der Strand. An der Strandpromenade schwitzen Jogger in angesagten Labels, in teuren Cafés frühstücken Touristen neben betuchten Bewohnern des Viertels. Wer hier wohnt, hat offenbar immer Geld. Für ein einfaches Abendessen 100 Euro zu bezahlen, ist in den Restaurants dieses Viertels kein Kunststück.

    Eine schwere Wirtschaftskrise zeichnete sich bereits im Jahr der Fußballweltmeisterschaft ab. Nachdem die Wirtschaft 2014 auf der Stelle trat, wird sie heuer um ein Prozent schrumpfen, wie der Internationale Währungsfonds prognostiziert. Borges de Almada Abreu und das Management von Bancoob stehen diesem allgemeinen Trend gelassen gegenüber. Ihre Geschäftszahlen zeigen weiter ein Wachstum an.

    Österreich-Vertretung bei der CIBP

    Der österreichische Volksbanken-Sektor ist in der CIBP mit Andrea Karner als neuer Generalsekretärin vertreten, neu im Exekutivkomitee sind Volksbank-Wien-Generaldirektor Gerald Fleischmann und ÖGV-Vorstand Christian Pomper. Der ehemalige ÖGV-Verbandsanwalt Hans Hofinger war 31 Jahre lang Mitglied in dem Gremium, davon 18 Jahre als Vizepräsident und drei Jahre als Präsident.