"Unternehmerischer Mut"

Staatssekretär Harald Mahrer im Interview

  • Er möchte den Gründer-Spirit in Österreich neu wecken und ist dafür auch bereit, unkonventionelle Wege zu beschreiten: Harald Mahrer, 42, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, verrät „cooperativ“ seine Pläne.

    „cooperativ“: Herr Staatssekretär, diese Ausgabe unseres Magazins steht unter dem Motto "Gründerzeit". Sie haben das Ziel vorgegeben, Österreich zur Gründernation Nummer eins in Europa zu machen. Wie wollen Sie das anstellen?

    Harald Mahrer: Mit einem konkreten Fahrplan, der sich in fünf Handlungsfelder und 40 Maßnahmen unterteilt. Denn wenn wir Österreich zurück an die Spitze bringen wollen, helfen uns Politiksprech und Sonntagsreden nicht weiter. Wir haben mittlerweile eine junge, dynamische Gründerszene, die alle Mauern niederreißen möchte. Es ist unsere Aufgabe, diese Dynamik mit den alten, starren Strukturen, die wir in Österreich teilweise noch haben, in Einklang zu bringen. Vizekanzler Mitterlehner und ich haben daher die Strategie "Land der Gründer" vorgestellt. Das "big picture" hat sich aber nicht die Politik alleine im Elfenbeinturm sitzend ausgemalt. Ganz im Gegenteil: An der Strategie haben mehr als 250 Akteure mitgearbeitet. Das ist mein Verständnis partizipativer Politikgestaltung, einer neuen Form des Regierens. Gemeinsam mit der Community und den Vertretern in den Bundesländern setzen wir die Strategie jetzt Schritt für Schritt um. Der positive Spirit, der in den vergangenen Monaten entstanden ist, ist gigantisch. Das braucht's, damit wir die Leute mit unternehmerischem Mut anstecken.

    Sind die Österreicher nicht generell risikofeindlich und damit auch gründerfeindlich?

    Nicht per se. Aber ja, wir sind immer noch ein risikoaverses Land. Bei uns war die Idee „Alles ist möglich“ nie so verankert wie in den USA. Dieses Konzept des amerikanischen Traums ist in Österreich oder Europa praktisch nicht vorhanden. Es gibt viele kluge Köpfe mit genialen Ideen, aber nicht alle machen sich selbstständig. Das Ganze hat natürlich auch viel mit Stimmung und Geisteshaltung zu tun. Bewusstseinsbildung ist eine der zentralsten Stellschrauben, an der wir drehen müssen. Daher müssen wir im Bildungssystem ansetzen, vor allem im Elementarpädagogikbereich. Denn Kinder haben von Natur aus Freude am Tüfteln und Ausprobieren von neuen Sachen. Sie sind wissbegierig, risiko- und experimentierfreudig. Genau diese Fähigkeiten trainiert ihnen das System aber ab. Das verstärkt den Trend zur unselbstständigen Erwerbstätigkeit, zum Job im sicheren Hafen. Nicht umsonst ist der öffentliche Dienst in allen Berufswunsch-Rankings bei Jugendlichen immer vorne mit dabei. Über die Frühförderung von Talenten, bessere Ausbildung der Pädagoginnen und Pädagogen und ein leistungsfreundliches Klima könnte man hier schon einiges bewegen.

    Wie wollen Sie sicherstellen, dass es genügend Risikokapital für Neugründer gibt? Der Aktienmarkt ist in Österreich unterentwickelt, und die Banken halten sich mit der Kreditvergabe zurück.

    Naja, für Neugründer ist der Aktienmarkt ja nicht unmittelbar relevant. Derzeit ist es so, und das bestätigen uns auch sämtliche Experten, dass wir im Seed- und Preseed-Bereich sehr gut aufgestellt sind. Die Finanzierungslage passt. Bei den Förderungen sind wir laut Global Entrepreneurship Monitor weltweit auf Platz eins. Forschungsförderungsgesellschaft, aws & Co machen hier einen ausgezeichneten Job, ebenso unsere Businessangels und Fonds wie Speedinvest. Aber klar, das Thema Finanzierung ist natürlich ein Dauerbrenner bei Start-ups. Das neue Crowdfunding-Gesetz ist sicher ein wichtiger Meilenstein, um die Finanzierungslücke schrittweise zu schließen. Und da Crowdfunding bis zu fünf Millionen Euro ohne Prospekt auskommt, erwarten wir da auch Verbesserungen im Wachstumsbereich. Dort haben wir sicher noch Aufholbedarf. Es gibt in Österreich einfach zu wenig Venture Capital. Ein echter Beteiligungsfreibetrag, den alle Experten dringend empfehlen und der auch in anderen Ländern hilft, würde einiges dazu beitragen, die privaten Mittel weiter zu mobilisieren. Also eine kleine steuerliche Anreizwirkung für Investitionen in neue Unternehmen und Wachstumsprojekte. Aber für wirklich große Wachstumsprojekte jenseits der 30 Millionen müssen wir auch über die Weiterentwicklung und Optimierung des Börsenplatzes nachdenken.

    Stichwort Crowdfunding-Gesetz: Welche Ziele haben Sie sich gesetzt? Wie viel soll auf diese Weise gefundet werden?

    Das neue Gesetz unterstützt die Weiterentwicklung neuer Ideen und macht Österreich als Standort für junge Unternehmen noch attraktiver. Zahlreiche Klein- und Mittelunternehmen können damit Innovationsprojekte umsetzen, die aufgrund der Basel-III-Regeln für Banken nicht oder nur sehr schwer finanzierbar sind. Sie erhalten Starthilfe, bis der Motor läuft. Unsere Prognosen sagen, dass, wenn wir uns durch dieses neue Gesetz an den EU-Schnitt heranarbeiten können, unser jährliches Potenzial bei 65 Millionen frischem Geld für Crowdfunding-Projekte liegt. Das würde auch mehr als 6.500 Arbeitsplätze bedeuten. Ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingt. Wobei klar ist, dass wir erst am Anfang stehen. Denn eine echte Beteiligungskultur entsteht nicht auf Knopfdruck.

    Besteht nicht die Gefahr, dass der große Crowdfunding-Crash kommt, wenn es erste Pleiten in diesem Bereich gibt?

    Es wird Pleiten geben, keine Frage. Es gibt sie ja jetzt schon. Aber das ist nur logisch. Wir sprechen ja von Risikokapital, nicht von Geld unter der Matratze. Aber auf der anderen Seite stehen auch Aussichten auf schöne Renditen, während das Geld unter der Matratze durch die Inflation Tag für Tag weniger wert wird. Aber klar: Crowdfunding ist ein Investment, das unternehmerisches Risiko birgt. Da wird es Ausfälle geben. Das muss man wissen. An einen Crash glaube ich dennoch nicht. Erstens sind die Menschen mündig und wissen über das Risiko Bescheid. Zweitens haben wir auch im Sinne des Konsumentenschutzes dafür gesorgt, dass niemand mehr Geld verlieren kann, als er sich leisten kann.

    Mal ehrlich: Was verbinden Sie mit dem Begriff "Genossenschaft"? Passt diese Rechtsform noch ins 21. Jahrhundert?

    Nun, ich verbinde mit Genossenschaften ein Gefühl der gesellschaftlichen Sicherheit. Es ist ja nicht zuletzt, wie von Ihnen auch angesprochen, eine sehr alte, traditionelle Form der Beteiligungsgesellschaft. Genossenschaften als eine Art Urform von Crowdfunding, wenn man so will. Sie haben nach wie vor eine enorm wichtige Rolle in unserem Wirtschaftssystem. Oder auch in der Landwirtschaft, wo das Modell der Genossenschaft nach wie vor ein Erfolgsfaktor ist. Nichts ist altmodisch, wenn es funktioniert, nur weil es eine lange Tradition hat.

    Können Sie sich unter dem Begriff „CrowdCoopFunding“ etwas vorstellen?

    Wenn Sie damit eine Kombination von Crowdfunding eingebunden in eine kooperative Struktur meinen, dann könnte es sich um den Versuch handeln, der klassischen Genossenschaft einen neuen Namen zu geben.

    Mit diesem neuen Projekt soll die Genossenschaft als bessere Alternative zum Crowdfunding positioniert werden. Welche Rolle können Genossenschaften Ihrer Meinung nach tatsächlich bei Neugründungen spielen?

    Gegenfrage: Warum müssen Genossenschaften überhaupt bessere Alternativen zu Crowdfunding werden? Aus meiner Sicht stehen Genossenschaften nicht im Konkurrenzverhältnis zu Crowdfunding-Projekten. Genaugenommen haben wir sogar penibel darauf geachtet, dass für Genossenschaften keine Schlechterstellung passiert. Durch den Revisionsverband bieten Genossenschaften eine gute Prüfstruktur, die viel Sicherheit gibt. Genossenschaften haben immer schon eine Rolle bei unternehmerischen Entwicklungen gespielt. Ich könnte mir vorstellen, es würde sich lohnen zu evaluieren, ob nicht vielleicht gerade Genossenschaften auf dem Risikokapitalmarkt eine neue Rolle spielen könnten, da sie strukturell viel Sicherheit bieten und die Last auf viele Schultern verteilen. Ich für meinen Teil bin für Vorschläge offen.

    Sie haben vor dem Sommer angekündigt, in Österreich eine "Nudge-Unit" nach britischem Vorbild etablieren zu wollen. Wie steht es mit diesem Vorhaben?

    Wir haben uns Nudging in Großbritannien sehr genau angesehen. Dort hat sich das Prinzip total bewährt. Es hat sich gezeigt, dass smart gesetzte Motivationsanreize als Orientierungshilfe für persönliche Entscheidungen oft besser wirken als Zwang und Gesetze. Das Motto ist "Motivieren statt regulieren". Dort, wo die Hand des Gesetzgebers nicht notwendig ist, genügt ein zarter "Stupser". Gemeinsam mit dem Finanz-, dem Landwirtschafts- und dem Familienministerium starten wir noch im Herbst unter dem Titel "Motivierender Staat" die ersten Pilotprojekte. Im Wissenschafts- und Wirtschaftsministerium setzen sich diese mit den Themen Energieeffizienz, Energieeinsparung oder der Reduktion der Studienabbrecherquote auseinander. Internationale Beispiele haben gezeigt, dass sich die Zahl der Studienabbrecher reduziert, wenn man sie vor Ferienende an den Start des nächsten Semesters erinnert. Alle Projekte werden wissenschaftlich begleitet und bezüglich ihrer Wirksamkeit evaluiert, um eine faktenbasierte Entscheidungsgrundlage für weitere Aktivitäten zu gewährleisten. Stimmt das Ergebnis, setzen wir die Projekte fort. Ob am Ende eine eigene Unit rauskommt, ist daher noch völlig offen. Mir gefällt diese Herangehensweise, dass man Maßnahmen erst testet und wissenschaftlich analysiert, bevor man Geld ausgibt. Denn faktenbasiertes Regieren ist aus meiner Sicht das Gebot der Stunde.

     Kurz gefragt: Harald Mahrer privat

    • Meinen Sommerurlaub verbrachte ich in: Wien und den Bergen
    • Mein Erspartes lege ich an in: einem breit gestreuten Portfolio, das vom klassischen Sparbuch über Aktien bis hin zu Kunstgegenständen reicht
    • In einer Bankfiliale war ich zuletzt am: vergangenen Freitag
    • Ein ganzer Tag ohne Internet ist für mich: Erholung pur
    • Meine Hobbys sind: Tanzen, Kochen und Lesen

    Foto: Johannes Brunnbauer