Kultfigur

Haben Sie das „Bummerl“, Herr Chmela?

  • Die AKM sorgt dafür, dass Autoren, Komponisten und Musikverleger den verdienten Lohn bekommen, wenn ihre Songs gespielt werden. Im Vorstand dieser Genossenschaft sitzt eine echte Kultfigur: Horst Chmela, der Erfinder des „Bummerl“, des „Gockala“ und anderer Ohrwürmer. Wir haben ihn und seinen Sohn, ebenfalls Musiker und in der AKM tätig, zum Gespräch in Chmelas Residenz, einem Reihenhaus in Wien-Floridsdorf, getroffen.

    „cooperativ“: Horst, wir sitzen hier zusammen mit deinem Sohn Horst Chmela junior, der auch Musiker ist. Kann man sagen, du bist die Wienerlied-Kultfigur, während der Sohnemann der Rocker ist?

    Horst Chmela: Ja, das stimmt schon. Aber das Wort „Wienerlied“ schreibe ich immer mit Bindestrich, denn meine Lieder sind nur deshalb „Wiener-Lieder“, weil ich aus dieser Stadt komme. Aber ich bin kein Heurigen-Fuzzi. Auch ich habe mit Blues und Rock ‘n‘ Roll in Jugendclubs begonnen. Und: Meine größten Erfolge habe ich in den Bundesländern und im Ausland gefeiert. Vom „Bummerl“ gibt es rund 200 Versionen. Da bin ich stolz darauf.

    Inwiefern siehst du dich eigentlich als echten Wiener? Du bist ja im urigen Ottakring aufgewachsen und hast die meiste Zeit deines Lebens in dieser Stadt verbracht.

    Horst Chmela: Stimmt schon. Bis auf meine Zeit mit den Sunset-Four, da bin ich zehn Jahre herumgetingelt, auch in den USA. Dann war es aus, und ich habe gesagt: „Ana hat imma des Bummerl“.

    Letztes Jahr hast du den 75. Geburtstag und das 50-jährige Bühnenjubiläum gefeiert. Aus diesem Anlass ist ein Best-of-Album erschienen mit dem Titel „Vom Gassenbua zur Kultfigur“. Wie viel Gassenbua steckt noch in dir?

    Horst Chmela: Ich bin eigentlich ein kompletter Gassenbua geblieben - wie in Amerika die echten Rock ‘n‘ Roller. Eigentlich bin ich ja immer noch ein bluesiger Rock-‘n‘-Roll-Musiker, halt auf die österreichische Art. Aber das wissen nur meine engsten Freunde.

    Du hast unlängst in einem Interview ein neues Album angekündigt und auch, dass es das letzte sein könnte.

    Horst Chmela: Ja, es soll ein neues Album kommen, aber es ist schwer. Die großen Produzenten wollen nichts Österreichisches mehr auf den Markt bringen.

    Horst Chmela junior (unterbricht): Es soll aber nicht das letzte sein, obwohl man das natürlich nie so genau weiß.

    Horst Chmela: Es schwingt schon immer die Idee mit, dass es das letzte Album sein könnte. Ich bin da ein gläubiger Mensch. Ich glaube, dass da etwas ist, was über den Menschen steht. Aber solange es geht, schreibe ich Lieder. Musik ist für mich auch Therapie. Ich habe noch die Kraft und die Liebe zur Musik, also mache ich das. Am 30. Oktober gibt es eine große Show in der Simm City in Simmering. Mein Sohn und ich machen dabei alles selbst. Da gibt es auch neue Lieder zu hören. Ich kann euch nachher was vorspielen.

    Sehr gerne! Aber uns interessiert auch die Zusammenarbeit zwischen Vater und Sohn. Kommt es da manchmal zu Reibereien?

    Horst Chmela junior: Natürlich, es gibt den klassischen Vater-Sohn-Konflikt! Das ist aber nicht nur bei uns so. Wir streiten eben viel über die Ausgestaltung der Musik.

    Horst Chmela: Horsti, ich bin ja nicht nur dein Vater, sondern auch der „Vater meiner Lieder“.

    Horst junior, du hast ja auch eine Solokarriere unter dem Künstlernamen „Der Horst“ gestartet. Wie ist es, in so große Fußstapfen zu treten? Nervt die ständige Frage nach dem „Bummerl“?

    Horst Chmela junior: Der „Horst“ kam zustande, weil ich einfach nicht mehr der Chmela junior sein wollte. Ich wollte damit plakativ zeigen, dass es zwei verschiedene Personen gibt. Dem „Horst“ ging ein langer Nachdenk- und Selbstfindungsprozess voraus. Trotzdem liebe ich natürlich meinen Vater und seine Musik.

    Ist es ein Vor- oder ein Nachteil, einen so prominenten Vater zu haben?

    Horst Chmela junior: Ich habe den besten Vater der Welt. Und er hat mir beim Einschlafen nie falsch ins Ohr gesungen. Alles andere soll das Publikum selbst beurteilen.

    2009 gab es von dir ein Album mit dem Titel „Reduziert“, 2011 die Single „Black Hair“. Seitdem hat man nichts mehr von dir gehört. Warum diese lange Pause?

    Horst Chmela junior: Ich suche derzeit nach neuen Inspirationen. Ich bin keiner, der sich einfach auf aktuelle Themen draufsetzt. Ich schreibe eben, wonach mir ist.

    Kommen wir zum Thema AKM: Da seid ihr beide tätig. Horst junior ist Delegierter der Tantiemenbezugsberechtigten, du bist im Vorstand. Wie lange eigentlich schon? Und warum?

    Horst Chmela: Ich mache das schon seit 30 Jahren. Ich verstehe mich aber nicht als Büromensch, sondern als gewählter Vertreter der Urheber. Ich wache über ihre Rechte und versuche, diese Rechte - die Lebensbasis der Künstler - zu mehren. Das ist mein Auftrag, und da gibt es viel zu tun. Im ORF etwa macht der Anteil an deutschsprachiger Musik nur 13 bis 15 Prozent aus. Und auch davon ist nur ein Teil österreichische Musik. Da schauen unsere Mitglieder durch die Finger. Das macht mich traurig. Und wenn ich traurig bin, werde ich böse.

    Du selbst bist ja auch eher selten im ORF zu sehen.

    Horst Chmela: Stimmt. In 45 Jahren war ich nur achtmal im österreichischen Fernsehen. Aber zugleich hatte ich 25 Auftritte in deutschen Sendern. Obwohl ich zu den am meisten live gespielten und gecoverten Künstlern gehöre, hatte ich so wenig ORF-Präsenz. Die Musik hat sich aber trotzdem durchgesetzt. Und ich habe noch immer meine Fans, denen ich sehr dankbar bin.

    Was ist der Grund, dass es so wenig österreichische Musik zu hören gibt?

    Horst Chmela: Es fehlt die Austro-Lobby. Frag mich nicht, wer das sein soll.

    Horst Chmela junior: Musik ist auch nur eine Industrie. Es gibt einige wenige, die das Sagen haben, was gespielt wird und was nicht.

    Mit dem „Bummerl“ hast du trotzdem einen Welthit gelandet, der millionenfach gespielt wurde und wird. Wie viel bekommst du eigentlich pro Jahr noch an Tantiemen für diesen Song?

    Horst Chmela junior: Vorsicht, die Steuer hört mit! (lacht)

    Horst Chmela: Ein VW Golf geht sich damit schon aus.

    Aktuell ein brandheißes Thema bei der AKM ist die Festplattenabgabe, die in diesen Tagen in Kraft tritt und die Leerkassettenvergütung ersetzt. Kritiker sprechen von einer Volkssteuer, die Computer und Handys verteuern wird. Wie zufrieden seid ihr mit der Regelung?

    Horst Chmela junior: Gut so. Alles, was die Tonbandkassette ersetzt, soll auch genauso behandelt werden, wenn Musik drauf ist.

    Horst Chmela: Es ist immerhin ein erster Schritt. Denn in der Politik ist es schwer, für die Urheber zu lobbyieren. Dabei ist das Urheberrecht nichts anderes als das Patentrecht. Die AKM ist nicht gut angesehen. Wir gelten als Abzocker. Dabei vertreten wir nur, was den Urhebern zusteht, wenn ihre Lieder gespielt werden. Und: Viele Veranstalter melden Aufführungen nicht an. Auch meine Lieder werden da oft gespielt. Das Dumme daran ist: Mir und auch anderen Urhebern entgehen so Tausende Euro.

    Sind die Menschen überhaupt noch bereit, für Musik zu bezahlen? Ist Musik nichts mehr wert?

    Horst Chmela junior: Richtig, es ist wohl so.

    Horst Chmela: Musik ist deshalb nichts mehr wert, weil auf Google, Facebook und Co die Songs gratis verbreitet werden. Geben Sie einmal meinen Namen auf Facebook ein! Und ich bin nur der kleine Horst Chmela. Wir brauchen also mehr Schutz. Denn wir sollten ein bisserl was kriegen für unser Musikschaffen, das wir auch brav in Österreich versteuern.

    Wie wichtig ist es in diesem Zusammenhang, dass die AKM eine Genossenschaft ist?

    Horst Chmela: Sehr wichtig. Das ist der einzige Weg, um eine faire Basis für die Urheber zu bekommen. Die Genossenschaft ist für die Mitglieder einfach optimal, auch von der gesetzlichen Seite her. Sie sind im Plenum stimmberechtigt, wählen Vorstand und Aufsichtsrat.

    Was halten Sie eigentlich vom neuen Trend des Crowdfunding in der Musik?

    Horst Chmela und Junior unisono: Das kannten wir bisher nicht. Es klingt aber sehr interessant. Denn es ist ein direkter Weg vom Künstler zu den Menschen, die selbst entscheiden, was ihnen gefüllt. Damit tun sich sicher neue Chancen auf.

    Über Horst Chmela:
    Horst Chmela wurde am 29. Oktober 1939 in Wien-Ottakring geboren. Er wuchs zu fünft in einer 24-Quadratmeter-Wohnung auf. Wie sein Vater und sein Bruder lernte er nach der Schule den Beruf des Schuhmachers und schloss 1962 seine Ausbildung mit der Meisterprüfung ab, wodurch er einer der jüngsten Schuhmachermeister in Wien war. Fasziniert vom Rock ’n’ Roll der 1950er- und 1960er-Jahre war er neben seinem Beruf als Bandleader der Gruppe The Sunset-Four tätig. Mit der Combo sammelte er auch in den USA Erfahrungen. 1969 löste sich die Gruppe auf. Seinen ersten ganz großen Erfolg feierte Horst Chmela 1971 mit „Ana hat imma des Bummerl“. 2,4 Millionen Platten mit dem „Bummerl“ gingen seither über den Ladentisch. Es folgten weitere Hits wie der „Depperte Bua“ oder „Her mit meine Henna (...der Gockala is' do)“. Chmela lebt in Wien, tritt regelmäßig als Sänger auf und sitzt im Vorstand der AKM. Er ist seit 1965 verheiratet und hat zwei Kinder. Sein Sohn Horst Chmela junior ist ebenfalls als Musiker tätig.

    Über die AKM:
    Die AKM - die Abkürzung steht für „Autoren, Komponisten und Musikverleger“ - ist die größte Urheberrechtsgesellschaft in Österreich. Sie ist als Genossenschaft organisiert und gehört somit den Künstlern. Laut Urheberrecht gebührt Komponisten und Textern eine faire Bezahlung, wenn ihre Musik etwa im Radio oder bei öffentlichen Veranstaltungen gespielt wird. Die AKM hebt diese Tantiemen treuhändig ein und gibt sie an Komponisten, Songtexter und Verleger weiter. Sie vertritt in Österreich die Urheberrechte von rund 21.000 Mitgliedern sowie – über Gegenseitigkeitsverträge mit ausländischen Schwestergesellschaften – von über zwei Millionen Rechteinhabern aus aller Welt.

    Foto: Wolfgang Schmidt