Mitnaschen

Erwin Steinhauer im Interview mit "cooperativ"

  • Damit Schauspieler und Filmschaffende zu ihren Rechten kommen, haben sie sich genossenschaftlich organisiert. Erwin Steinhauer spricht mit Andrea Karner und Christian Pomper über seine aktuellen Projekte und über Selbsthilfe unter Künstlern.

    cooperativ: Herr Steinhauer, Sie sind ein Publikumsliebling auf der Bühne, im Radio, in Film und Fernsehen. Ende Februar ist das Hörspiel "Die letzten Tage der Menschheit", das Sie gemeinsam mit Franz Schuh für das Radio bearbeitet haben, bei der ORF-Publikumswahl zum Hörspiel des Jahres gekürt worden. Es ist Ihnen dabei nicht nur gelungen, den Kern des Stückes von Karl Kraus freizulegen, Sie haben auch alle Rollen übernommen. Eine unglaubliche, bemerkenswerte Leistung. Was hat Sie an dem Projekt am meisten fasziniert?

    Erwin Steinhauer: Der wichtigste Beweggrund für mich war, diesen Text nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, vor allem bei jungen Menschen. Ich habe mich zum ersten Mal 1995 diesem wunderbaren Text genähert und ihn gemeinsam mit Franz Schuh im Rabenhof zur Aufführung gebracht. Für die Musik hat Werner Pirchner gesorgt. Mich hat dieses Stück seit damals immer wieder beschäftigt. Einzelne Szenen habe ich in Lesungen verwendet, und dann stand plötzlich das Jahr 2014 vor der Tür, und wir wussten, was zu tun war! Als Hörspiel würde es auch Eingang in den Literaturkundeunterricht finden. Schon die 20 Aufführungen im Rabenhof haben bei den jungen Leuten viel bewegt.

    Woran arbeiten Sie gerade?

    Ich habe mich heuer vom Josefstadttheater freistellen lassen, um ein bisserl drehen zu können. Zurzeit stehe ich unter der Regie von Wolfgang Murnberger für "Kleine große Stimme" vor der Kamera. Der Film erzählt die Geschichte eines kleinen schwarzen Buben aus den Fünfzigerjahren, der unbedingt zu den Wiener Sängerknaben will. Als Besatzungskind wächst der Bub bei seinen Großeltern am Land auf, sieht in der Wochenschau einen Beitrag über die Sängerknaben, reißt von zu Hause aus und steht plötzlich vor mir, dem Direktor der Wiener Sängerknaben. Mit seinen großen, dunkelbraunen Augen schaut er mich an und sagt: "Herr Direktor, ich habe Ihnen einen Speck mitgebracht, wenn Sie mich nehmen." Wenn er diesen Satz sagt, zerfließt du. Danach folgt ein Pilotprojekt zwischen ZDF und ORF, "Der Tote vom Untersberg". Soll eine neue Krimireihe werden!

    Wir sprechen heute auch über das Thema Genossenschaft. Im Oktober 2014 haben Sie den Vorsitz im Aufsichtsrat der Verwertungsgesellschaft der Filmschaffenden (VdFS) übernommen. Warum?

    Es war eine Notwendigkeit. Der Vorsitz war nach dem plötzlichen Tod von Florian Flicker möglichst schnell wieder zu besetzen, um die reibungslose Arbeit des Aufsichtsrats zu gewährleisten. Ich habe mich dafür gerne zur Verfügung gestellt. Leider kann ich nicht immer an den Sitzungen teilnehmen. Die Hauptarbeit in der Genossenschaft verrichtet ohnehin unser Geschäftsführer, Herr Mag. Gernot Schödl! Im Rahmen der ordentlichen Generalversammlung der VdFS am 17. Juni wurde das Regie-Mandat im Aufsichtsrat mit Thomas Roth neu besetzt. Der Aufsichtsrat hat sich mittlerweile neu konstituiert und ich wurde als Vorsitzender bestätigt.

    Welche Rolle spielen Sie in der Genossenschaft?

    Ich versuche, mich bei den Sitzungen konstruktiv einzubringen. Herr Schödl erklärt uns zuerst die Sachlage. Wir diskutieren, versuchen, uns eine Meinung zu bilden, um dann verantwortungsbewusst abzustimmen. Unsere primäre Aufgabe ist es ja, die Geschäftsführung der VdFS zu überwachen und zu kontrollieren. Diese erfolgt in Form einer laufenden Zusammenarbeit und Abstimmung zwischen Geschäftsführer und Vorstand.

    Sie sind seit 1994 Mitglied in der VdFS. Wie sind Sie auf die Genossenschaft aufmerksam geworden?

    Es hat geheißen: Kinder, da macht jemand etwas für uns, und ich habe gesagt: Das ist ja herrlich! Unsere Arbeit wird verwertet, wenn sie öffentlich gemacht wird. Das bringt Geld. Da waren wir nicht dabei. Unsere Genossenschaft kämpft für unseren gerechten Anteil. Die VdFS, die von der Solidarität der Filmschaffenden getragen ist, bildet die organisatorische Basis für den Kampf der Filmschaffenden um einen Anteil an diesen Geldern.

    Apropos Solidarität: Die VdFS hat - wie auch die anderen österreichischen Verwertungsgesellschaften - einen Fonds für soziale und kulturelle Einrichtungen (SKE) für ihre Bezugsberechtigten geschaffen. Was steckt dahinter?

    Es ist drückend, wenn man sieht, wie vielen Kollegen es schlecht geht. Es werden immer mehr, die in diesem Beruf keinen Fuß auf die Erde bekommen. Es ist daher zutiefst solidarisch, wenn wir einen Teil unserer Tantiemen in diesen Fonds einzahlen. Diese Umverteilung ist vom Gesetzgeber durchaus bewusst gewollt. Die Hälfte der Einnahmen aus der Leerkassettenvergütung ist rein rechtlich den SKE zu widmen, zehn Prozent der anderen Einnahmen führt die VdFS auf freiwilliger Basis diesem Fonds zu. Wir greifen mit diesen Mitteln Filmschaffenden in Notsituationen finanziell unter die Arme, fördern Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen, unterstützen die Berufsverbände der Filmschaffenden. Darüber hinaus finanzieren wir Filmfestivals wie die Diagonale und ähnliche filmbezogenen Veranstaltungen wie das Kino unter Sternen.

    Was halten Sie von Genossenschaften als Selbsthilfeeinrichtungen im Allgemeinen?

    Die Idee der Genossenschaft ist unverzichtbar! Wir müssen unsere Belange selbst in die Hand nehmen, wir müssen aktiv unsere Interessen vertreten, notfalls auch dafür kämpfen! Genau diese Werte: Selbsthilfe, Verantwortung, Freiheit und Demokratie machen die Genossenschaft aus.

    Demokratie in der Wirtschaft, aus Ihrer Sicht: Fluch oder Segen?


    Natürlich Segen! Es ist doch nur gerecht, wenn Menschen selbst etwas unternehmen können. Die VdFS ist seit ihrer Gründung eine sehr demokratische Gesellschaft. Darin liegt grundsätzlich auch der große Vorteil. Mitunter zeigen sich aber auch die Schwierigkeiten, die mit dem Recht auf demokratische Mitbestimmung verbunden sind. Es ist schön, wenn alle die dazu berechtigt sind, auch gerne und regelmäßig von ihrem Stimmrecht in der Generalversammlung Gebrauch machen. Die VdFS ist seit 2011 um fast 55 Prozent gewachsen. Im Jahr 2011 waren es 78, heute sind es 121 ordentliche Mitglieder. Das kann Entscheidungen aber auch manchmal verzögern, mitunter sogar blockieren. Trotzdem ist es gut, dass die VdFS eine Genossenschaft und keine Kapitalgesellschaft ist. Immer mehr Filmschaffende können die Agenden unserer Gesellschaft aktiv mitgestalten und sind bereit, in unsere Gremien gewählt zu werden. Ich wünsche mir, dass sich zukünftig noch mehr Kolleginnen und Kollegen in unsere Gesellschaft einbringen und an unseren Versammlungen und Veranstaltungen teilnehmen.

    Die VdFS hat auch einen neuen Internet-Auftritt. Was war der Anlass?


    Verwertungsgesellschaften haben ja Umfragen zufolge den Charme einer Behörde und kommen auf der Beliebtheitsskala gleich nach dem Finanzamt. Von diesem verstaubten Image wollen wir weg. Wir sind nämlich genau das Gegenteil! Wir sind eine moderne, auf Basis demokratisch beschlossener Regeln und nach höchsten Transparenzstandards arbeitende, mehrfach kontrollierte und geprüfte Selbstorganisation der Filmschaffenden, die ihre Geschicke vor mehr als 20 Jahren in die Hand genommen hat. Wir haben ein neues grafisches Erscheinungsbild gebraucht, einen modernen Webauftritt und noch mehr Transparenz.

    Welchen Wert hat die Genossenschaft für Sie als Künstler ganz persönlich?

    Ich bin dankbar, dass es die Genossenschaft gibt. Auch in Zukunft müssen wir darauf achten, dass unsere Interessen, welche neuen Medien auch immer unsere Arbeit verwerten, gewahrt bleiben. Viele Kollegen brauchen dringend unsere Hilfe, weil plötzlich ihre Auftragslage nicht mehr so ist, dass sie die Miete oder ihre Arztrechnungen bezahlen können. Wir wollen mitnaschen (lacht).