Genossenschaften: Eine Einführung

Was sind Waren-, Dienstleistungs- und Produktivgenossenschaften? Wir erklären hier das Wesen dieser Genossenschaften, ihre Funktionen und Bedeutung - und auch, was Genossenschaften nicht sind.

Ein kurzes Porträt

Im Mittelpunkt der genossenschaftlichen Betriebe und Unternehmensgruppen stehen die Mitglieder - in Satzung und Praxis. Ein Vorteil, den in Österreich rund 22.000 gewerbliche Unternehmer und Vertreter anderer Berufe - etwa freiberuflich Tätige - nutzen.

Mit lokalem Bezug und in strategischen Allianzen im In- und Ausland verankert, decken die Genossenschaften ein breites Leistungsspektrum ab. Vor allem wird so der Dienst am Mitglied und Kunden stetig optimiert.

Der moderne genossenschaftliche Förderansatz: Durch Kundensegmentierung und Etablierung von Betriebstypen werden Leistungsmodule geschaffen. Diese wiederum sind Voraussetzung dafür, dass problemlösungsbezogene Leistungsprogramme ihre volle Kraft entfalten. Primär gilt dies für Marketing und Beschaffung.

Der betriebswirtschaftliche Effekt: Durch Fokussierung der Kräfte werden die Wettbewerbsvorteile kleiner, flexibler Unternehmen durch das wirtschaftliche Potential einer größeren Einheit verstärkt. Dies gelingt den Genossenschaften als fairer Partner von Klein- und Mittelbetrieben in den Bereichen Handel, Handwerk und Dienstleistung. Und zwar im wechselseitigen Respekt, wie unter Partnern üblich. Die selbstständige Existenz des Einzelnen bleibt erhalten.

Insgesamt erwirtschaftete die gewerbliche Ware im Jahr 2014 einen Umsatz von 2,04 Milliarden Euro.


Genossenschaft, aber dennoch eigenständig

Eine Einkaufsgenossenschaft, die den Privatspitälern sparen hilft - Realität in Österreich. Eine Kooperation, die darauf aufpasst, dass Schreibende und Komponierende auch im digitalen Zeitalter zu ihren Rechten kommen. Zwei Beispiele von vielen, wie Gleichgesinnte durch eine gewerbliche Genossenschaft gemeinsame Ziele verfolgen, egal in welcher Branche.

In Japan kommen die Kinder in Genossenschaftskrankenhäusern zur Welt. Die Eskimos von Cape Dorset in der kanadischen Arktis leben vom Verkauf ihrer Handwerkserzeugnisse über eine eigene Genossenschaft. In Portage la Prairie, Manitoba, Kanada, werden Menschen von ihrer Bestattungsgenossenschaft zu Grabe getragen.

Genossenschaften gibt es weltweit für die unterschiedlichsten Bedürfnisse. Und immer mehr Sektoren in Wirtschaft und Sozialwesen schreien geradezu nach Eigeninitiative anstelle staatlicher Fremdhilfe.

Unter den Giganten der Luftfahrt, der Medienindustrie, der Pharmabranche oder der Automobilunternehmen sind das Cost Sharing und Risk Sharing gang und gäbe. Gemeinsame Entwicklungen, geteiltes Risiko bei Großinvestitionen und der Marktdruck lassen "Vernunftehen" in allen Branchen entstehen.

Für handwerkliche und gewerbliche Klein- und Mittelbetriebe oder Freiberufler gibt es gleichfalls Gründe genug, sich nach Allianzen umzusehen:

  • um im größer gewordenen Markt geballte Wirtschaftskraft aufzubringen,
  • um dem Druck von großen Betriebseinheiten standzuhalten,
  • um den Mitbewerber zum Partner zu machen
  • und dennoch eigenständig, flexibel, Unternehmer vor Ort, nahe am Kunden, zu bleiben.

Kooperation als Antwort

Kooperation auf privatwirtschaftlicher Basis ist ein Gebot der Stunde, in einer Zeit, in der

  • der Staat mit letzten Regulierungen bricht, angesichts knapper Kassen als potenter Förderer und Subventionsgeber ausfällt und auch Großunternehmen nicht mehr "am Tropf" hält,
  • letzte Monopole und Kartelle fallen,
  • grenzüberschreitende Fusionen und Übernahmen in Industrie und Handel zu bisher ungekannter Konzernmacht führen,
  • für Rationalisierungsopfer Auffanglösungen gesucht sind,
  • öffentliche Sozial- und Vorsorgesysteme unfinanzierbar werden,
  • Standorte, Jobs und die lokale Versorgung erhalten und ausgebaut werden sollen,
  • letztlich wieder in großem Stil liberalisiert und internationalisiert wird.

Die Rechtsform der Genossenschaft

In der Rechtsform der Genossenschaft sind die Mitgliedsbetriebe, anders als bei Konzern- und Filialunternehmen, autonom und autark.

  • Der rechtliche Status: Die Genossenschaft ist eine juristische Person und darf im eigenen Namen Geschäfte abschließen.
  • Die Organe: Oberstes Willenbildungsorgan ist die Generalversammlung aller Mitglieder. Kontrollorgan ist der Aufsichtsrat, die operativen Geschäfte führt der Vorstand.
  • Die Haftung: Bei Genossenschaften mit beschränkter Haftung stehen die Mitglieder nur für das Nominale (Nennwert) ihrer Geschäftsanteile sowie den in der Satzung fixierten Haftbetrag gerade.
  • Gewinn-/Verlust-Verteilung: Die Tätigkeit einer Genossenschaft zielt nicht auf eigene Gewinnmaximierung ab. Fallen Gewinne an, kann analog zu anderen Gesellschaftsformen ausgeschüttet oder reinvestiert werden.
  • Der Zweck: Förderung des Erwerbes oder der Wirtschaft ihrer Mitglieder
  • Die Kapitalaufbringung: Variables Kapital, Geschäftsanteil nicht frei handelbar

Was eine gewerbliche Genossenschaft nicht ist

  • Ein Zwangskollektiv aus wirtschaftlicher Not heraus
  • Eine Organisationsform, die "Trittbrettfahrer" begünstigt
  • Eine Solidaritätseinrichtung in der Einbahnstraße
  • Dem kleinsten gemeinsamen Nenner verpflichtet

Sozialökonomisch, nicht sozialromantisch

Da Arbeitslosigkeit, Unzufriedenheit mit industriellen Arbeitsformen, Konsumskepsis und Ökobewusstsein die Gesellschaft bewegen, hat in jüngster Zeit europaweit die Idee der Selbstverwaltung wieder Fuß gefaßt. Künftige sozial- und wirtschaftspolitische, aber auch unternehmerische Entscheidungen werden stärker in kooperativem Konsens aller Beteiligten fallen müssen.

Zur Arbeitsplatzsicherung und Motivationsförderung gehen immer mehr Kapitalgesellschaften zur Mitarbeiterbeteiligung über. Große österreichische Börseunternehmen feiern dies als Fortschritt. Neu ist der Ansatz nicht: In der Produktivgenossenschaft, einer der klassischen Ausprägungen der gewerblichen Genossenschaft, hat der Begriff vom "Shareholder Value" für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer gleichermaßen jahrhundertealte Tradition. Sozialromantik war hier niemals im Spiel.

Bei strenger Auslegung sind in der Produktivgenossenschaft (oder Arbeitsgenossenschaft) Mitarbeiter und Unternehmensträger ident. In der Praxis wird aber durchwegs ein "gemildertes Identitätsprinzip" angewendet.


Login

Mitglieder-Login für aktuelle Rundschreiben im Bereich Ware

Mitglieder

Hier finden Sie die Mitglieder im ÖGV

Der ÖGV auf Facebook

Besuchen Sie uns auf Facebook