Die Anfänge

  • Die Anfänge einer Kreditgenossenschaftsbewegung in Österreich fielen in eine Periode tiefgehender und grundlegender sozialer und wirtschaftlicher Neuerungen (1848-1859) und waren durch relativen Liberalismus in der Wirtschaft, aber fortdauernde Unfreiheit im staatsbürgerlich-politischen Bereich gekennzeichnet.

    Diese Umstände und die Entstehung der Aktiengesellschaft setzten Bedingungen, unter denen die Gewerbetreibenden und Handwerker zunehmend unter Druck gerieten. Um dieser Tendenz entgegenzuwirken, entwickelten sich zunächst Wohltätigkeitseinrichtungen, wie der 1847 gegründete "Kreuzer-Verein zur Unterstützung der Wiener Erwerbsleute". Zunehmend setzten die Betroffenen aber auf wirtschaftliche Selbsthilfe.

Die erste Kasse

  • Der erste österreichische Vorschussverein, dessen Organisation einer Schulze-Delitzsch-Kasse nahe kam, war der "Gewerbliche Aushilfskassenverein" in Klagenfurt. Seine Gründung fällt in die Jahre 1850/51 und stand noch nicht unter dem unmittelbaren Einfluss des deutschen Vorbildes Schulze-Delitzsch. Ähnliche Aushilfsvereine entstanden in Altlerchenfeld in Wien (1855), Laibach (1856) und Troppau (1858). Noch früher (1847) war in Aussig in Böhmen ein Aushilfskasse entstanden, die sich später aber nie eine registrierte Genossenschaft umwandelte. Es folgte die Gründung weiterer Vereine in Schönlinde (1853) und in Böhmisch-Zwickau (1856).

Die erste Gründungswelle

  • Erst ab dem Jahre 1858, als die Schulzeschen Prinzipien in Österreich publik wurden, näherten sich die Statuten der Vorschussvereine einer gewissen Gleichmäßigkeit, indem wenigstens ihre hauptsächlichsten Bestimmungen einander im Wesen ähnlich wurden.

    In der Folge setzte die erste große Gründungswelle von Kreditgenossenschaften ein. Im Jahre 1864 bestanden bereits 118 Kreditvereine, darunter auch die erste landwirtschaftliche Vorschusskasse 1863 in Krems.

    Die neue Bewegung beschränkte sich nicht auf die Deutschsprachigen, sondern griff auch auf die Tschechen und bis Ende der 60er Jahre auch auf die Polen über. Der erste tschechische Verein wurde 1858 von einem Schustermeister in Wlaschim gegründet. Die Organisation und Leitung der Genossenschaften wurde bei den Tschechen bald zu einer wichtigen nationalen Aufgabe und führte zur Spaltung der böhmischen Vorschussvereine in nationale Gruppen.

    Im Gegensatz zur Entwicklung in Deutschland blieb das österreichische Genossenschaftswesen sehr lange Zeit ohne jegliche Gallionsfigur. Dies war nicht zuletzt auf die politische Lage in Österreich zurückzuführen, da es einerseits nicht möglich war, die Genossenschaften aller österreichischen Nationalitäten zu vereinigen, andererseits sich aber auch die Deutschsprachigen in Österreich nicht in einem Verband zusammenzuschließen vermochten.

Die zweite Gründungswelle

  • Eine zweite Gründungswelle von Kreditgenossenschaften setzte in Österreich während der Blütezeit des Liberalismus (1867-1873) ein, als Vertreter des "Vereins für volkswirtschaftlichen Fortschritt" mit Vorträgen und Versammlungen in Wien und Niederösterreich die Vorzüge der Selbsthilfe propagierten. Ein wichtiger Schritt am Ende dieser Phase war die Verabschiedung des Genossenschaftsgesetzes 1873, mit dem die Anerkennung der Genossenschaft als eigenständige Rechtsform erfolgte.

    In den Jahren der großen Krise ab 1873 fehlte es zwar nicht an Zusammenbrüchen, die aufsteigende Bewegung der Kreditgenossenschaften setzte sich aber fort, vor allem bei den Tschechen, die sich bereits 1865 einen Interessenverband geschaffen und 1868 eine Zentralbank gegründet hatten.

    Nicht so rasch verliefen die organisatorischen Fortschritte der deutschsprachigen Kreditgenossenschaften, deren überwiegende Mehrheit sich nicht dem 1872 gegründeten Allgemeinen Verband anschloss.

    Ihre Entwicklung verlief sehr unterschiedlich: In den kleineren Orten blieben sie großteils ihren genossenschaftlichen Grundsätzen treu, während sie sich in den Städten als Kleinbanken des wohlhabenden Mittelstandes etablierten, die zwar zum Aufstieg größerer Gewerbetreibender zu Fabrikanten beitrugen, den Kreditbedürfnissen der mittellosen Handwerker aber immer seltener nachkamen.

    Dies führte so weit, dass um die Jahrhundertwende seitens des Handelsministeriums Kritik gegen die Schulze-Delitzsch-Kassen vorgebracht wurde, die in der Folge die Regierung veranlasste, die Vergrößerung und Neugründung von Kreditgenossenschaften staatlich zu fördern und die Errichtung einer staatlichen Zentralgenossenschaftskasse zur Steuerung der Gewerbeförderung zu forcieren.

Die Erste Republik

  • Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs stand die gesamte Wirtschaft Österreichs vor einer schweren Bewährungsprobe: Die engen Verknüpfungen mit den anderer Regionen der Donaumonarchie wurden zerschlagen, "Restösterreich" fand sich mit einer überdimensionierten Staatsbürokratie im "Wasserkopf" Wien, einem allzu kriegsindustriell geprägten Fertigungssektor aber auch einem hypertrophen Dienstleistungsbereich wieder.

    Der letztlich erfolglose Versuch der Wiener Großbanken, die regionale Stellung im Donauraum aufrechtzuerhalten, führte zu einer Fülle von Zusammenbrüchen und Fusionen, die letztlich in dem großen Creditanstalt-Krach von 1931 mündeten.

    In dieser überaus schwierigen Situation, in der Österreichs Wirtschaft nur ganz kurz an die Leistungskraft der Vorkriegszeit herankam, bewährten sich die Kreditgenossenschaften des Systems Schulze-Delitzsch am Rande, aber mit überdurchschnittlichem Erfolg.

    Es gelang ihnen in der Regel, die spekulativen Exzesse der Inflationsperiode und Börsenhausse bis 1924 zu vermeiden, und sie verfielen nicht der Versuchung, der so viele Großbanken unterlagen: die Aktiven in illiquiden Veranlagungen zu binden, kurzfristig zu borgen und langfristig zu leihen.

    Die Geschichte der gewerblichen Kreditgenossenschaften in der Zwischenkriegszeit kann damit als Bewährung des Grundsatzes "small is beautiful" gesehen werden. Die Verweigerung Politik und Geschäft zu vermischen, eine Praxis, die damals selbst Großbanken in den Abgrund zog, hat sich damals entscheidend bewährt, wiewohl die fehlende Anbindung an "hohe politische Protektoren" zuweilen Benachteiligungen nach sich zog.

    Zugleich wurde mit der Gründung einer eigenen Zentralkasse im Jahr 1922 ein wesentlicher Schritt zur Stärkung des sektoralen Verbunds getan, und in mühevoller Arbeit zu Anfang der 30er Jahre die Verbandseinheit erreicht.

    Österreich wurde von der Weltwirtschaftskrise in besonderem Maße getroffen, dennoch wurde auch in den 30er Jahren der Weg der Modernisierung und Rationalisierung im gewerblichen Kreditgenossenschaftssektor fortgesetzt. Langsam setzte sich auch der Name Volksbanken durch - er wurde unter diktatorischen Vorzeichen nach 1938 noch stärker forciert, zugleich aber kam es aufgrund von Zwangszusammenlegungen zu einem Verlust an Bankstellen, der noch lange Zeit bedauert wurde.

Die Zweite Republik

  • Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Wiederaufbau der österreichischen Wirtschaft. Unter großen Anstrengungen der Mitglieder, Funktionäre und der Geschäftsleitungen gelang es nicht nur die Geschäftstätigkeit der Volksbanken rasch wieder aufzunehmen und ihren ordnungsgemäßen Betrieb zu reaktivieren, sondern auch das vom nationalsozialistischen Regime zerschlagene Verbandswesen neu zu organisieren.

    Die strenge staatliche Reglementierung des österreichischen Kreditwesens bis Ende der 70er Jahre verhinderte ein organisches Wachstum des österreichischen Bankensektors.

    Die nicht immer konsequente Umsetzung der Organisations- und Geschäftsprinzipien von Schulze-Delitzsch führte Mitte der 80er Jahre zu einer Krise des Volksbankensektors, die jedoch aus eigener Kraft bewältigt werden konnte, ohne eine, auch von einigen Kreisen im Sektor selbst angestrebte, staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen und die Selbständigkeit und Unabhängigkeit des Volksbankensektors zu opfern.

    Die erfolgreiche Umsetzung des Verbundstrukturkonzepts Ende der 80er war die Voraussetzung für eine Konsolidierung, die aus einem geschwächten Volksbankensektor den ertragsstärksten Bankensektor Österreichs werden ließ.

Die Restrukturierung

  • Im Oktober 2014 wurde ein umfassendes Konzept zur Neuordnung des Volksbankenverbunds vorgelegt, das aus zwei Teilen besteht.

    Der erste Teil betrifft die Abspaltung der Zentralorganisations- und Spitzeninstitutsfunktionen der ÖVAG auf die Volksbank Wien-Baden sowie die Fortführung der "Rest-ÖVAG" als Abbaugesellschaft gemäß § 162 BaSAG mit dem Namen immigon portfolioabbau ag.

    Teil zwei besteht in der Neuformung des Volksbankenverbunds durch Fusionen der 41 Volksbanken, die mittelfristig zu einem kapitalmarktfähigen Verbund führen. Der Zusammenschluss der Volksbanken zu acht großen Regionalbanken ist Teil des Restrukturierungsplans, der unter Vorbehalt aufsichtsrechtlicher und behördlicher Genehmigungen steht.

    Nach Grundsatzbeschlüssen im Dezember 2014 hatten die Aktionäre der ÖVAG in der Hauptversammlung am 28. Mai 2015 einstimmig die Beschlüsse zur Spaltung der ÖVAG und Umwandlung in eine Abbaugesellschaft gefasst. Die rechtliche Spaltung der ÖVAG, die Zurücklegung der Bankkonzession durch die ÖVAG und das Ausscheiden der ÖVAG aus dem Haftungsverbund erfolgte am 4. Juli 2015.

    Die Fusionen erfolgen schrittweise und sollen spätestens 2017 auch technisch abgeschlossen sein. Formell beschlossen werden müssen die Fusionen von den Generalversammlungen der einzelnen Volksbanken.