Geschichte des ÖGV

4. August 1872

  • Die auf Selbsthilfe beruhenden Österreichischen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften gründen den Allgemeinen Verband.

    Nur Vereine, nicht Personen sollten an der Leitung des Verbandes beteiligt sein, der ausschließlich den wirtschaftlichen Interessen der Mitglieder dient und sich nur genossenschaftlichen Fragen widmen soll. Der promovierte Philosoph Hermann Ziller wird erster Verbandsanwalt. Der in Sachsen-Meiningen geborene Journalist, der sich im Verein für volkswirtschaftlichen Fortschritt für die Gründung von Genossenschaften nach dem Vorbild von Schulze-Delitzsch einsetzt und mit Flugblättern gegen die Besteuerung von Genossenschaften ankämpft, organisiert und leitet den Verband nach deutschem Vorbild. Er gründet auch die Verbandszeitschrift „Die Genossenschaft“, die als „cooperativ“ bis heute weiterlebt.

9. April 1873

  • Das Gesetz über Erwerbs- und Wirthschaftsgenossenschaften tritt in Kraft. Es ist ohne den Einfluss des eben erst entstandenen Verbandes geschaffen worden. Seine Reform war jedoch von Anfang an eine zentrale Aufgabe. Noch im selben Jahr verzeichnet das Statistische Handbuch für die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder der Donaumonarchie 169 registrierte Genossenschaften, im Jahr 1907 sind es bereits 12.520.

1880

  • Der Allgemeine Verband erwirkt das Gesetz betreffend Abänderungen der Erwerbs- und Einkommenssteuergesetze und -vorschriften in ihrer Anwendung auf Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften und Vorschusskassen, das die Ausnahmestellung der Genossenschaften bei der Steuergesetzgebung begründet. Mit diesem Gesetz wird erstmals die Besonderheit der wirtschaftlichen Tätigkeit der Genossenschaften anerkannt.

1891

  • Einen Antrag im Abgeordnetenhaus auf Errichtung einer Reichsgenossenschaftsbank, die der Förderung der gewerblichen und landwirtschaftlichen Werk-, Rohstoff-, Magazin- und Produktivgenossenschaften mit der Vergabe von Krediten dienen soll, bekämpft der Verband vehement, „weil es nach meiner 34-jährigen Erfahrung keiner gut situierten und gut geleiteten Genossenschaft einfallen wird, behufs Erlangung eines Kredites bei dieser Reichsgenossenschaftskasse die Solidarität für die Verluste aller Kreditnehmer an dieser Kasse zu tragen“, wie Verbandsanwalt Karl Wrabetz argumentiert. Bis zum Untergang der Donaumonarchie bleiben die Genossenschaften ohne Zentralgenossenschaftskasse.

10. Juni 1903

  • Mit dem Reichsgesetzblatt Nummer 133 wird die Revision der Genossenschaften verpflichtend eingeführt. Der Verband hat wiederholt ein Revisionsgesetz gefordert und entsprechende Regierungsentwürfe eingebracht, um „Unterschlagungen, leichtsinnige Geschäftsgebarung und dergleichen vorzubeugen und damit die Zusammenbrüche von Genossenschaften zu verhindern“, so Wrabetz. Trotzdem gerät bis 1905 eine Reihe von Genossenschaften in wirtschaftliche Schwierigkeiten, was in vielen Fällen zur gerichtlichen Durchsetzung der Mitgliederhaftung führt.

15. November 1922

  • Zum 50. Geburtstag des Allgemeinen Verbandes wird in seinem Haus in der Lindengasse 5 in Wien die Österreichische Zentralgenossenschaftskasse als Genossenschaft gegründet. Von den 351 Mitgliedern des Verbandes zeichnen etwa 80 Genossenschaften Geschäftsanteile. Geplant war, die neue Zentralbank der Gewerblichen Genossenschaften so rasch als möglich in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Es sollte bis zum 24. Juni 1974 dauern, bis der Wechsel der Rechtsform vollzogen war und die Österreichische Volksbanken-Aktiengesellschaft (ÖVAG) das Spitzeninstitut der Volksbanken wurde.

15. Juni 1930

  • Der Österreichische Genossenschaftsverband (ÖGV) entsteht am Genossenschaftstag in Kitzbühel, wo der Allgemeine Verband mit dem Zentralverband der Gewerblichen Genossenschaften fusioniert. Die nach der Gründung des Konsumverbandes 1902 im Allgemeinen Verband verbliebenen gewerblichen Konsumgenossenschaften spalten sich ab.

9. Juli 1938

  • Am 61. Genossenschaftstag wird der ÖGV auf Verfügung des NS-Regimes aufgelöst und sein Vermögen dem Deutschen Genossenschaftsverband übertragen, der damit zwei Verbände gründet, den Donauländischen Genossenschaftsverband mit Sitz in Wien und den Alpenländischen Genossenschaftsverband mit Sitz in Klagenfurt. Bis zum Ende des Dritten Reiches wurden Rationalisierung und Verschmelzung von Kreditgenossenschaften vorangetrieben, ein Garantiefonds wurde eingerichtet und bis 1940 das gemeinsame Branding unter dem Namen Volksbank durchgesetzt.

14. Februar 1946

  • Das Innenministerium ermächtigt den Donauländischen Genossenschaftsverband, im Einvernehmen mit dem Bundesministerium für Handel und Wiederaufbau, das Vermögen des Alpenländischen Verbandes zu übernehmen. Am Verbandstag am 21. Juli in Wien erklärten die Genossenschaften die Auflösung des ÖGV im Jahr 1938 aus formalen Gründen für ungültig. Im 1945 gegründeten Zentralausschuss der genossenschaftlichen Revisionsverbände Österreichs übernimmt der Verband eine lose Art von ständiger Geschäftsführung. Der Ausschuss organisiert im Mai und Juni 1946 eine Vortragsreihe an der Hochschule für Welthandel über die Stellung des Genossenschaftswesens in der Wirtschaft Österreichs, die mit einem Vortrag von Bundespräsident Dr. Karl Renner eröffnet wird.

Oktober 1950

  • Der ÖGV nimmt am ersten Kongress der Internationalen Volksbankenvereinigung Conféderation Internationale des Banques Populaires (CIBP) in Rom teil.

4. November 1952

  • Gemeinsam mit dem Verband der Bau- und Siedlungsgenossenschaften, dem Verband der Konsumgenossenschaften und dem Raiffeisenverband gründet der ÖGV das Forschungsinstitut für Genossenschaftswesen der Universität Wien.

13. Mai 1970

  • Die Ausstellung „Kredit, Ware, Dienstleistung - die Gewerblichen Genossenschaften im Dienste der österreichischen Wirtschaft“ am Verbandstag in Linz rückt Waren-, Dienstleistungs- und Produktivgenossenschaften ins Licht der Öffentlichkeit.

September 1975

  • Das „Gösinger Papier“ regelt die Zusammenarbeit zwischen ÖGV und ÖVAG. Die Kernkompetenzen des Verbandes wie Prüfung, Beratung und Information der Mitglieder sowie seine Tätigkeit im Fachverband der Bundeswirtschaftskammer bleiben im Wesentlichen unverändert. Zu Beginn des Jahres 1976 wird die Prüfungsabteilung als eigenes Ressort eingerichtet, um die genossenschaftliche Revision von der Beratung zu trennen.

1. Jänner 1976

  • Der ÖGV gründet gemeinsam mit der ÖVAG die Volksbankenakademie, die die Aus- und Weiterbildung der Führungskräfte, Mitarbeiter und Funktionäre der Volksbanken sicherstellen soll.

24. Jänner 1979

  • Das mit dem Kreditwesengesetz (KWG) eingeführte Vier-Augen-Prinzip, wonach zwei hauptamtliche Geschäftsleiter eine Bank führen müssen, fördert bei kleineren Volksbanken Fusionen und verändert die Betriebsgrößen. Die Einlagensicherung wird gesetzlich verankert.

3. Oktober 1984

  • Das „Sektorkonzept“ organisiert den Volksbanken-Verbund neu. Der ÖGV gibt die Bereiche Volksbanken-Marketing und -Organisation an die ÖVAG ab. Gleichzeitig übertragen ihm die Volksbanken Agenden zur Risikominimierung, vor allem Zustimmungsrechte bei Investitionen, Beteiligungen sowie die Begutachtung von Geschäftsleiterbestellungen und -dienstverträgen.

31. Oktober 1985

  • Im „Streit um die Volksbankensanierung“, wie es „Die Presse“ bezeichnet, tritt der gesamte Vorstand der ÖVAG zurück.

15. November 1985

  • Der Verbandstag in Schladming verabschiedet folgende Resolution: „Die Volksbanken-Gruppe erklärt ihren uneingeschränkten Willen zur Unabhängigkeit und Selbstständigkeit, die nicht Selbstzweck, sondern Vorbedingung zur Erfüllung ihres kreditgenossenschaftlichen Förderauftrags sind.“

6. Dezember 1985

  • Das Forschungsinstitut für Betriebswirtschaftslehre der Genossenschaften wird unter Beteiligung des ÖGV als besondere Universitätseinrichtung nach § 83 UOG an der Wirtschaftsuniversität Wien gegründet.

23. Mai 1986

  • Der Verbandstag beschließt das „Strukturkonzept“ mit dem Ziel einer Optimierung der Betriebsgrößen der Volksbanken und die „Grundsätze ordnungsgemäßer Geschäftsführung“ (GoG). Sie beinhalten betriebswirtschaftliche Ziele wie eine Ertragskraft von zumindest einem Prozent der Bilanzsumme, Maßnahmen zur Risikobegrenzung bei der Kreditvergabe, bei Beteiligungen und Investitionen sowie ein jährliches Controlling. Volksbanken mit 60 bis 90 Mitarbeitern sollten marktkonforme, effiziente Einheiten bilden.

1988

  • Der ÖGV tritt der Europäischen Vereinigung der Genossenschaftsbanken (EACB) bei.

30. Juli 1993

  • Im Zuge der Finanzmarktanpassung zwingt das Bundesgesetz über das Bankwesen (BWG) Genossenschaftsbanken und Sparkassen zu einschneidenden Strukturmaßnahmen. Es fordert von selbstständigen Kreditinstituten, die unter einem Zentralinstitut organisiert sind und unter einheitlicher Aufsicht stehen, im Wesentlichen einen Haftungs- und Liquiditätsverbund sowie Rechnungslegung auf Basis einer konsolidierten Bilanz.

1991-1994

  • Noch vor dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union schließt der ÖGV im Rahmen der CIBP Kooperationen mit den italienischen und französischen Volksbanken und unterzeichnet einen Kooperationsvertrag mit dem Genossenschaftsverband Bayern.

Herbst 1995

  • Der ÖGV wird Mitglied des Instituts für Genossenschaftsforschung im Alpenraum (IGA).

12. Juni 1996

  • Die Beteiligung der Deutschen Genossenschaftsbank (heute DZ Bank) mit 25 Prozent an der ÖVAG wird im Palais Pallavicini fixiert.

23. Jänner 1997

  • Der ÖGV unterzeichnet im Hotel Imperial in Wien einen Kooperationsvertrag mit dem Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR).

16. Mai 1997

  • Der ÖGV fixiert in Bonn eine Partnerschaft mit dem Zentralverband Gewerblicher Verbundgruppen (ZGV), heute DER MITTELSTANDSVERBUND – ZGV e.V.

1997

  • Die ÖVAG gründet die VB International, um ihre Bankaktivitäten in den Ländern Zentral- und Osteuropas zu bündeln. Die Gesellschaft mit beschränkter Haftung wird 1999 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und im Jahr 2000 in Volksbank International AG umbenannt. 2004 unterhält die Bank Niederlassungen in elf Ländern. 2005 beteiligen sich die französische Banque Fédérale des Banques Populaires, die Deutsche DZ Bank und die WGZ Bank zu je 24,5 Prozent an diesem Institut. Am 15. Februar 2012 verkauft die ÖVAG die Volksbank International an die russische Sberbank, ohne Volksbank Romania.

16. Mai 2002

  • Der ÖGV unterzeichnet am Verbandstag in Kremsmünster einen Kooperationsvertrag mit dem Konsumverband, der vor allem die Bereiche Revision und Beratung betrifft.

13. Juli 2005

  • Die ÖVAG übernimmt die Investkredit-Gruppe, der die Investkredit und die Kommunalkredit angehören. Mit der Verdoppelung ihrer Bilanzsumme will sie zu den führenden Banken Österreichs aufschließen und ihren Marktanteil bei Unternehmen, im Immobilienbereich und bei Infrastrukturfinanzierungen ausbauen.

Dezember 2005

  • Die Volksbanken beschließen die Gründung der Volksbank-Quadrat Bank AG, über die sie Partizipationskapital am gesamten Volksbanken-Verbund emittieren können.

3. November 2008

  • Im Zuge der Lehmann-Pleite und des Börsen-Crashes muss die ÖVAG die Kommunalkredit um einen Euro an die Republik verkaufen.

27. Februar 2012

  • Die Republik Österreich und die Volksbanken einigen sich auf eine nachhaltige Lösung zur Stabilisierung der ÖVAG. Ein Kapitalschnitt von 70 Prozent wird vereinbart, Bund und Volksbanken nehmen eine Kapitalerhöhung von 480 Millionen Euro vor.

18. September 2012

  • Die Finanzmarktaufsicht erteilt der ÖVAG und den Volksbanken die Genehmigung für die Bildung eines Kreditinstitute-Verbundes gemäß § 30a Bankwesengesetz. Einen Tag später veröffentlicht die Europäische Kommission den Beschluss über die staatliche Beihilfe, die Österreich zugunsten der ÖVAG gewährt hat. Der ÖGV gibt im Zuge der Neuorganisation Mitarbeiter und Kompetenzen an die ÖVAG ab, die mit der Realisierung des Haftungs- und Liquiditätsverbundes in Verbindung stehen, wie Planung und Controlling, Verbundmeldewesen und Risikomanagement.

20. September 2012

  • Die XVII. Internationale Genossenschaftswissenschaftliche Tagung, auf der sich auch der ÖGV und seine Mitglieder präsentieren, geht in Wien zu Ende. Motto war „Genossenschaften im Fokus einer neuen Wirtschaftspolitik“.

Oktober 2014

  • Ein umfassendes Konzept zur Neuordnung des Volksbanken-Verbunds wird vorgelegt. Es besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil betrifft die Abspaltung der Zentralorganisations- und Spitzeninstitutsfunktionen der ÖVAG auf die Volksbank Wien-Baden sowie die Fortführung der "Rest-ÖVAG" als Abbaugesellschaft gemäß § 162 BaSAG mit dem Namen immigon portfolioabbau ag. Teil zwei besteht in der Neuformung des Volksbankenverbunds durch Fusionen der 41 Volksbanken, die mittelfristig zu einem kapitalmarktfähigen Verbund führen. Der Zusammenschluss der Volksbanken zu acht großen Regionalbanken ist Teil des Restrukturierungsplans, der unter Vorbehalt aufsichtsrechtlicher und behördlicher Genehmigungen steht.

28. Mai 2015

  • Nach Grundsatzbeschlüssen im Dezember 2014 fassen die Aktionäre der ÖVAG in der Hauptversammlung einstimmig die Beschlüsse zur Spaltung der ÖVAG und Umwandlung in eine Abbaugesellschaft. Die rechtliche Spaltung, die Zurücklegung der Bankkonzession und das Ausscheiden aus dem Haftungsverbund erfolgen am 4. Juli 2015. Die Fusionen erfolgen schrittweise und sollen spätestens 2017 auch technisch abgeschlossen sein. Formell beschlossen werden müssen die Fusionen von den Generalversammlungen der einzelnen Volksbanken.